Louise Ebert – ein Mädchen aus Melchiorshausen

Von | 24. Februar 2012, 08:20 Uhr | Ein Kommentar | Menschen | Tags:

Das hatte ihr am Abend des 23. Dezember 1873, als sie drittes Kind des Landarbeiters Friedrich Heinrich Rump und seiner Ehefrau Amalie das Licht der Welt erblickte, niemand an der Wiege gesungen, dass sie mal die Ehefrau des ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert sein würde. Sie hatte zwei ältere Brüder und zwei jüngere Geschwister. Getauft wurde sie am 8. Februar 1874 in Leeste.

In einem Untertitel des Werkes von Friedrich Winterhager über das Leben von „Louise Ebert (1873- 1955)“ heißt es ‚Von der niedersächsischen Häuslerkate zum Präsidentenpalais in Berlin’. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Sie stammte aus ärmlichsten Verhältnissen, und in dieser Bevölkerungsschicht galten damals Kinder als Reichtum, waren sie doch als Versicherung für das Alter gedacht. Die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung wurde erst während ihrer Jugend entwickelt, deren Wirksamkeit traute man noch nicht so recht.

In ihren späteren schriftlichen Aufzeichnungen hat Louise Ebert einmal davon gesprochen, dass sie in ihrer Jugend „sehr viel Schweres und Trübes über sich hat ergehen lassen müssen“. Die resolute Mutter war das eigentliche Familienoberhaupt. Sie wurde in geordneten Verhältnissen groß, genoss von zu Hause aus eine solide sprachliche Grundausbildung, Mundart und Dialekt waren verpönt.

Das Haus der Familie Rump - Melchiorshausen 1920

Das Haus der Familie Rump - Melchiorshausen 1920 - Quelle: Weyher Bilderarchiv

Als Louise Rump zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Bremen. Nach 6-jähriger Dorfschulzeit – überwiegend in Leeste – ging sie mit 12 Jahren „in Stellung“ in einem großbürgerlichen Haushalt. Vorher war sie schon Jungmagd auf dem Hof Lange in der Nachbarschaft gewesen. Sie war also schon sehr zeitig von zu Hause weggekommen.

Auf Anraten des älteren Bruders und gegen den Willen Eltern, wurde sie später eine schlecht bezahlte Kistenkleberin in einer Tabakfabrik. Sie fand aber trotz ihrer schweren Arbeit noch Zeit, sich schon gewerkschaftlich zu engagieren. Bereits als 20-Jährige (1893) wurde sie 2. Vorsitzende im „Centralverband der in Holzbearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen“. Sie besaß das entsprechende Organisationstalent.

Am 9. Mai 1894 heiratete sie Friedrich Ebert und übernahm mit ihm eine Gaststätte, die sie faktisch leitete, weil er häufig im Rahmen seiner Tätigkeit für die SPD verhindert war. Das Lokal warf einen erklecklichen Gewinn ab. Im Laufe der nächsten sechs Jahre gebar sie ihrem Mann vier Söhne und eine Tochter: Friedrich (1894), Georg (1896), Heinrich (1897), Karl (1899) und Amalie (1900). Für die junge Familie – sie war inzwischen nach Berlin übergesiedelt – war es ein schwerer Schlag, als 1917 zwei ihrer vier Söhne im 1. Weltkrieg umkamen. Der Älteste wurde später in der DDR Oberbürgermeister von Ostberlin. Karl, der jüngste Sohn, war eine Zeit lang Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg. Die Tochter starb bereits mit 31 Jahren.

Als Friedrich Ebert nach dem 1. Weltkrieg erster Reichskanzler (Rat der Volksberatung) und danach zum ersten Präsident der sogenannten Weimarer Republik gewählt wurde, war es ihre größte Stunde. Sie war die Ehefrau des Reichspräsidenten, wurde wegen ihrer Schlichtheit respektiert und erwarb sich viele Sympathien. „Louise Ebert wurde hoch geschätzt wegen ihres Wesens, von dem eine wohltuende Ruhe ausging“, heißt es. Sie war der Rolle einer Präsidentengattin jederzeit gewachsen. Man lobte ihren natürlichen Anstand, ihren Takt und ihre Würde. Im Jahre 1919 gehörte sie zu den Gründerinnen der Arbeiterwohlfahrt.

Als Witwe musste sie zwar in Berlin umziehen, aber es gelang ihr auch, einigermaßen unbeschadet die NS-Zeit zu überstehen und die Anfänge der jungen Bundesrepublik zu erleben. Nachdem sich der Bombenkrieg in Berlin zugespitzt hatte, zog sie 1943 nach Lahr im Schwarzwald.

Wegen ihres geraden Wesens wurde sie von Leuten wie Gerhard Hauptmann, Max Liebermann, Theodor Heuss, Marie Juchacz, Annemarie Renger und dem jungen Helmut Kohl geschätzt, um nur einige zu nennen.

Aber ihr wurden noch andere Ehren zuteil: In Weyhe hat man eine Straße nach ihr benannt. In Heidelberg, dem Heimatort ihres Ehemannes, wo sie ihren Lebensabend verbrachte, trägt ein Seniorenzentrum ihren Namen. Am 18. Januar 1955 verstarb die gebürtige Melchiorshauserin.

Titelbild: Louise Rump als junges Mädchen, später die Gattin des Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Quelle: Weyher Bildarchiv

Über den Autor

Wilfried Meyer

Wilfried Meyer widmet sich seit 1977 in seiner Freizeit der Weyher Ortsgeschichte und ist seitdem ehrenamtlicher Archivar. Neben seinen zahlreichen Diavorträgen veröffentlichte er Artikel in der regionalen Presse und verfasste mehrere historische Bildbände, die er selbst gestaltet und über einen eigenen Verlag vertreibt. Themen sind: Umwelt, Hache, Luftbilder, Baudenkmalpflege, Eisenbahn und Weyher Ortsgeschichte.

Dieser Beitrag wurde 2.083 mal gelesen.

Ein Kommentar

  1. Winterhager, Friedrich (12. Oktober 2012)

    Der Artikel ist inhaltsreich und anschaulich geschrieben.

    Die erste Regierung der deutschen Republik (1918/19) hieß richtig “Rat der Volksbeauftragten”.

Kommentare


2 + sieben =

© 2012 Karl-Heinz Heidtmann